Simplewish – eine Geschäftsidee, die scheiterte?

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Die Gründung eines Startups bedeutet mehr als nur eine innovative Idee zu haben. Das Team von simplewish hat mit seinem 2013 gegründeten Startup sich nicht vollständig durchsetzen können. Mittlerweile hat ein Teil des Teams den Chatbot Accelerator The Ventury gegründet, ist jedoch noch eng verbunden. Simplewish- Gründer Valentin Aschermann, der mittlerweile als Berater bei inits aktiv ist, erzählt im Interview mit startablish offen von seiner Idee, deren Umsetzung, den Fehlern, die gemacht wurden, und dem Wert des Scheiterns.

Die Idee zu Simplewish kam dir aus einem persönlichen Erlebnis heraus, was genau war der Anstoß?

Im Herbst 2012 habe ich zu meinem Bachelorabschluss auf der WU eine größere Feier gemacht und ich habe von meinen Freunden 23 Flaschen Wein bekommen. Ich trinke nur sehr selten Wein, das waren einfach die falschen Geschenke für mich, obwohl meine Freunde mich natürlich alle gut kennen und schon gewusst hätten, womit sie mir eine Freude hätten machen können.

Aber ich kenne das von mir selbst. Wenn man wo eingeladen ist, ist es oftmals so, dass man auf Verlegenheitsgeschenke zurückgreift, weil man auf keinen Fall mit leeren Händen kommen möchte, sich aber auch die Zeit nicht genommen hat, etwas zu überlegen, oder ein größeres Geschenk den finanziellen Rahmen sprengen würde. Ich habe mich dann lange damit beschäftigt, warum sich die Leute die Zeit genommen haben noch einkaufen zu gehen, aber es ihnen zu umständlich war das Geld zusammen zu legen.

Meine Idee war dann es für die Leute einfacher zu machen und nachdem alle technischen Voraussetzungen schon erfüllt waren, stand dem nichts mehr im Weg.

Und wie sieht das Konzept hinter Simplewish nun aus?

Man kann sich das Konzept wie einen Crowdfunding- Prozess vorstellen, bei dem der Gruppenorganisator auf Simplewish ein Geschenk als Finanzierungsobjekt hineinstellt und dann alle Freunde einladet, um sich daran zu beteiligen. Jeder der sonst in eine Weinflasche investiert hätte, konnte es jetzt in ein sinnvolles Geschenk machen – simpel, schnell und auch in der letzten Minute möglich! Und im Endeffekt hast du keine 23 Flaschen, sondern ein cooles Geschenk und der Aufwand beschränkt sich auf einen Mausklick, um die Überweisung zu tätigen. Das war die Idee!

Wie sah das Geschäftsmodell dahinter aus?

Die Attraktivität des Geschäftsmodells liegt für mich vor allem darin, dass da ein irrsinnig starkes virales Potenzial dahinter steht. Wenn ich ein Gruppengeschenk mache, lade ich aus eigenem Interesse viele Leute ein, damit genug Geld gesammelt werden kann. Unsere Hoffnung war, dass das wie ein Schneeballsystem anwächst. Um möglichst wenig Leute zu verlieren war klar, dass wir das kostenlos anbieten müssen und dass wir uns anders finanzieren müssen als über die Beitragenden. Also haben wir versucht Kooperationspartner zu finden, wie Amazon, von denen die Geschenke kommen und uns auf Provisionsbasis zu beteiligen. Sobald eine Geschenkbox auf Simplewish angelegt ist, sehen wir auch, dass es sehr gut funktioniert. 90% aller angelegten Geschenkboxen werden zu 100% finanziert.

Du hast vom viralen Potenzial gesprochen, wie habt ihr euch überhaupt vermarktet?

Dieser Punkt war im Endeffekt mitentscheidend dafür, dass wir im b2c Bereich gescheitert sind. Wir haben keinen Kanal gefunden bei dem die customer aquisition costs geringer waren als der customer lifetime value. Das bedeutet wir haben mit jedem User weniger verdient als wir im Marketing ausgegeben haben. Und die kritische Masse, die es braucht damit der virale Effekt voll eintritt, wurde nicht erreicht. Dabei haben wir wirklich sehr viel getestet: Neben Facebook Werbung und Google Werbung auch Offlinekampagnen wie Plakate, Freecards und Giveaways. Aber keiner der Kanäle war im Endeffekt nachhaltig.

Habt ihr vorab denn eine Marktanalyse durchgeführt, ob eine Nachfrage besteht?

Nein, leider nicht im Nachhinein gesehen. Wie gesagt die Idee zu Simplewish war ein Geistesblitz. Interviews mit potenziellen Usern haben wir nicht geführt. Ich habe mich an Professoren an meinem Institut gewandt, auch an potenzielle Mitgründer, aber in erster Linie an Freunde. Das war auch das Problem. Freunde sind einfach die falschen Leute dir zu sagen, dass deine Idee schlecht ist, vor allem wenn man die falschen Fragen stellt. Also nein, wir haben keine Marktstudie gemacht. Es war einfach eine sehr starke Vision und ein bisschen nach dem Motto: „build it and they will come“.

Würdest du sagen diese Herangehensweise war der Grund, warum Simplewish mit dem ursprünglichen Geschäftsmodell gescheitert ist?

Wir haben den Prozess völlig falsch angelegt. Bei der Einführung eines Produktes muss man sich schon vorab, also schon bei der Idee, den Markt und seine potenziellen Kunden sehr genau anschauen und Annahmen aufstellen, die man akribisch mit den tatsächlichen Marktteilnehmern testen sollte. Das haben wir nicht gemacht und das hat dazu geführt, dass unser Geschäftsmodell voll war von ungetesteten Hypothesen. Beispielsweise haben wir einfach angenommen, dass alle unsere User onlineaffin sind und Onlinezahlungsmittel verwenden und das hat sich schlicht und einfach als falsch herausgestellt. Und letztlich ist das mit ein Grund warum wir im b2c Bereich gescheitert sind. Gar nicht weil die eingeladenen Freunde nicht online zahlen würden – hier erleben wir eine sehr hohe Akzeptanz –  sondern vielmehr weil die Organisatoren antizipieren, wem das online Zahlen und Registrieren bei einem neuen Service unangenehm sein könnte.

In Studien werden oft die Vorteile von gemischten Startups hervorgehoben, ihr wart zu Beginn ein reines Männer- Startup, habt euch später aber auch Frauen ins Team geholt. Hat dieser Mix für euch merklich positive Veränderungen erzeugt?

Die Aufnahme von Maria und Julia ins Team hat uns auf ganz vielen unterschiedlichen Ebenen extrem geholfen. Erstens hat sich die Teamchemie total verändert. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute anders miteinander umgehen, in positiver Hinsicht. Zweitens hat sich definitiv unser Blickwinkel im Marketing verändert bzw. vergrößert, denn 50 Prozent unser Zielgruppe war weiblich und Maria und Julia konnte sich hier schon besser in unsere Personas hineinversetzen.

Den größten Nutzen, den ich jedoch bemerkt habe war, dass Maria und Julia dazu beigetragen haben, dass wir Entscheidungen stärker ob ihre Berechtigung und Zielführung hinterfragten. Das lag möglichweise daran, dass die beiden nicht so risikoaffin waren und länger über Entscheidungen nachdachten als wir das sonst getan hätten.

Würdest du anderen Teams empfehlen auf gemischte Teams zu setzen?

Ja auf jeden Fall! Heterogene Teams sind total wichtig, um möglichst viele Kompetenzen und Perspektiven abzudecken. Vielfalt ist nicht nur fachlich wichtig, sondern auch geschlechterbezogen und kulturell eine echte Bereicherung. Gerade im B2C Bereich ist die Zielgruppe oftmals zu 50% weiblich. Ich glaube schon, dass hier Frauen im Team dabei helfen können genauere Annahmen zutreffen.

Wann war der Punkt erreicht an dem ihr beschlossen habt das Geschäft nicht mehr mit voller Kraft weiterzuführen?

Im b2c Bereich haben wir keine Möglichkeit mehr gesehen das Geschäftsmodell so stark zu verändern, um erfolgreich zu sein, trotz über 100 durchgeführten Userinterviews. Nachdem wir keinen nachhaltigen Marketingkanal finden konnten und die Bereitschaft auf unserer Seite online zu zahlen nicht immer gegeben waren, wir jedoch letztlich darauf angewiesen waren um Geld zu verdienen, kam der Punkt sich einzugestehen, dass die Idee noch nicht funktioniert.

Die Website Simplewish gibt es jedoch noch?

Ja, das Startup gibt es noch, weil wir einerseits doch stolz auf unsere Leistung und das Produkt sind und andererseits doch noch Umsatz hereinkommt, zwar nur so viel um die Kosten der Plattform und der Wartung zu decken, aber immerhin. Zudem ist auch unser b2b Geschäft davon abhängig, bei dem wir nach einem Pivot erfolgreich sind.

Würdest du diese Erfahrung als ein Scheitern bezeichnen?

Das war es für mich auf jeden Fall. Es war richtig heftig. Das fühlt sich schon verdammt sch*** an, wenn man zwei Jahre seine volle Energie und sein volles Leistungsvermögen in eine Idee steckt, die nicht so funktioniert wie man sich es gewünscht hat. Die ersten paar Monate waren wahnsinnig belastend sich eingestehen zu müssen, dass es einfach nicht gereicht hat, obwohl man sein Bestes gegeben hat. Heute betrachtet würde ich aber sagen, dass es das Wertvollste war, das ich je erlebt habe und das soll keine Floskel sein, es ist tatsächlich so.

Denn erstens ist dabei ein Team entstanden, das sensationell ist. Das sind Leute, die mich für mein Leben begleiten werden – wir einfach zu richtig guten Freunden geworden sind und das ist nicht selbstverständlich, denn viele Startups scheitern am Team.
Und die Erfahrung selbst war ebenfalls unbezahlbar. Im Startup ist man jeden Tag mit Herausforderungen beschäftigt, die man so nicht gelernt hat und deshalb muss man täglich eigene Lösungswege finden.

Bei späteren Bewerbungen bei Unternehmen, ist mir dann aufgefallen, wie gefragt diese Erfahrungen sind. Ich wurde regelrecht bewundert, dass ich eine GmbH gegründet und eine Idee zur Marktumsetzung mit allem was dazugehört durchgezogen habe. Das hat mir zum ersten Mal bewusst gemacht, wie wahnsinnig viel wir geschafft haben und da ist dieses Gefühl des Scheiterns in den Hintergrund getreten.

Würdest du sagen in Österreich gibt es eine positive Kultur des Scheiterns?

Ich denke sie entwickelt sich. Es gibt derzeit ein merkbares Wachstum an Startups und damit einhergehend auch mehr Leute, die scheitern können und gescheitert sind, weil sie es versucht und sich getraut haben. Ich bin sicher ein Botschafter dafür, dass man auch vom Scheitern viel mitnimmt, obwohl ich es keinesfalls beschönigen möchte. Scheitern fühlt sich auf jeden Fall am Anfang ziemlich mies an. Man sollte davor Respekt haben und nicht diesem „just do it“- Gedanken verfallen.

Ist das auch dein Tipp für zukünftige Gründer?

Genau. Mein Tipp an jeden der gründen möchte: Lest Bücher zum Thema customer development & Lean Startup, baut ein MVP (minimum viable product)  und lernt von jeder Interaktion. Führt möglichst viele Interviews mit potentiellen Kunden, allerdings erst, nachdem ihr „The Mom Test“ gelesen habt. So lernt man sehr viel über die Bedürfnisse der User, aber auch das Produkt und den Markt selbst. Dieses Wissen ist zwar keine Garantie, dass man dann erfolgreich ist, aber man kann Ressourcen sinnvoller einsetzen oder einfacher früher darauf kommen, dass keine Nachfrage besteht.

Anmerkung:

Nach einem Pivot des Geschäftsmodells, bei dem das Service von SIMPLEWISH als White Label direkt bei Retailern eingebunden wird, ist man im b2b Bereich nun erfolgreich und konnte schon Partner wie Austrian Airlines oder Jollydays für sich gewinnen.