Österreich mit Aufholbedarf bei sozialer Innovation

(C) KLAUS VYHNALEK

Soziale Startups haben hohes Wachstumspotenzial, scheitern aber an politischen Strukturen und mangelnder Vernetzung – Lösungsansätze sind eine zentrale Anlaufstelle, ein Investitionsfonds und privates Risikokapital.

Der Bedarf an gesellschaftlicher Innovation steigt angesichts wirtschaftlicher und politischer Krisen. Wünsche nach einem Ausbau des Wohlfahrtsstaates und einer Stärkung der Zivilgesellschaft können wohl nur dann erfüllt werden, wenn es zu neuen Lösungsansätzen in sozialen Fragen kommt. Doch während die Förderung sozialer Innovation in anderen Ländern auf der politischen Agenda weit nach oben gereiht wurde, hat Österreich deutlich Aufholbedarf. Das zeigt eine vom „Social Entrepreneurship Center“ der Wirtschaftsuniversität Wien (WU) im Auftrag der Vinzenz Gruppe durchgeführte Studie.

„In Österreich steckt die Förderung sozialer Innovationen in den Kinderschuhen. Dabei sind diese in vielen Politikbereichen, gerade im Gesundheitssystem zentral. Sie bringen Qualitätssteigerungen, erreichen unterversorgte Zielgruppen und können auch Kosteneinsparungen bringen“, sagt WU-Studienleiter Prof. Michael Meyer.

„Projektitis“ als Grund des Scheiterns

Für die Studie hat die WU europaweit 250 soziale Innovationen sowie eine Feinanalyse von 13 Fallstudien (mit Schwerpunkt in Österreich) durchgeführt. Einen Mangel an Initiativen stellten die Wissenschaftler dabei gar nicht fest. Allerdings: Aufgrund des Fehlens einer politischen Gesamtstrategie bleiben soziale Innovatoren oft auf sich gestellt – und scheitern. Grund dafür sind häufig die politischen Rahmen- und Förderbedingungen. Studienleiter Meyer: „Zu viele Innovationen bleiben in der Prototypenphase hängen. Österreich leidet an ‚Projektitis’. Es gibt zwar Förderungen für Ideen und Pilotprojekte, es krankt aber an der Überführung in den Regelbetrieb.“

Das ist ein Befund, den der Auftraggeber der Studie, Michael Heinisch von der gemeinnützigen Vinzenz Gruppe, aus Sicht der Praxis unterstreicht. „Dass es zu dem von allen sozialen Innovatoren angestrebten systemischen Wandel kommt, gelingt zu selten“, sagt Heinisch mit Verweis auf eine der wenigen Innovationen der vergangenen Jahre, die mittlerweile bundesweit Schule gemacht hat – die Hospizbewegung. Heinisch: „Wir müssen es als Gesellschaft schaffen, Ideen wie diese systematisch zu fördern und dürfen die Durchschlagskraft sozialer Innovationen nicht dem Zufall überlassen.“

Zusätzliche Hürden für gemeinnützige Initiativen stellen laut Studie das Fehlen einer zentralen Anlaufstelle, der Mangel an professionellen Mentoren und generell die föderale und unübersichtliche Machtverteilung speziell im Gesundheitswesen dar. Meist entspringen Initiativen dem Antrieb Einzelner. Dass aus Institutionen heraus kaum Innovation entsteht, begründet Meyer so: „In Organisationen müssen oft erst innovationsfreundliche Strukturen und Kulturen geschaffen werden. Und Innovationen brauchen auch gewisse Überschussressourcen („Slack“), die Platz für Kreativität schaffen. Anorektische, krankgesparte, schon im Routinebetrieb aus dem letzten Loch pfeifende Organisationen sind nicht mehr innovativ.“

Die Bedeutung des Sektors

Ein wesentlicher Teil der Studie beschäftigt sich, abgeleitet aus der beschriebenen Analyse des Status Quo, mit konkreten Handlungsanleitungen zur Verbesserung der Situation sozialer Startups. Denn dass der Ausbau des Sektors auch volkswirtschaftlich Potenzial hat, steht außer Frage. Die WU geht für Österreich von rund 1.200 bis 2.000 Sozialunternehmen mit Umsätzen von rund 700 Millionen Euro und 16.000 Beschäftigten aus. Das mögliche weitere Wachstum hängt auch an den politischen Rahmenbedingungen. Laut WU könnte sich die Anzahl an Social Businesses in zehn Jahren jedenfalls verdoppeln, bei optimalen Bedingungen sogar bis zu verzehnfachen. Meyer: „2025 könnte es 1.300 bis 8.300 gemeinnützige Institutionen mehr geben. Und diese würden zwischen 20.000 und 132.000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.“

Den sozialen Brutkasten hochfahren

Für Michael Heinisch ist das Grund genug, die mögliche Bedeutung sozialer Innovation noch stärker öffentlich zu betonen. „Gemeinnützigkeit und soziale Innovation können nicht nur Arbeitsplätze schaffen und den Wohlstand wieder ausbauen helfen, sie sind auch eine tragfähige Antwort auf die vielerorts zutage tretende Sinnkrise der Gesellschaft“, sagt Heinisch.

Konkrete Verbesserungsvorschläge die Situation sozialer Innovatoren betreffend lassen sich jedenfalls klar aus der WU-Studie ableiten. Einmal wäre laut Autoren die Schaffung einer zentralen Anlaufstelle vonnöten. Michael Meyer von der WU: „Die Schaffung einer „Agentur für soziale Innovation“ wäre ein Quantensprung. Zumindest aber sollten sich die aktuellen Startup-Förderstellen in Richtung soziale Innovation verbreitern.“

Angels und Bonds

Parallel dazu müsste auch die Förderlandschaft für soziale Startups ausgebaut und bestehende Strukturen aufgebrochen werden. Jedenfalls für das Gesundheitswesen kann sich Michael Heinisch von der Vinzenz Gruppe einen Weg nach dem Vorbild Deutschlands vorstellen. „Dort wurde ein geringer Prozentsatz des Gesundheitsbudgets für innovative Projekte zweckgewidmet. Ich denke, dass ein solcher Schritt – etwa in Form eines Investitionsfonds – auch in Österreich Bewegung bringen würde“, so Heinisch.

Ergänzend dazu ist für Studienautor Meyer auch die Erschließung privaten Risikokapitals wünschenswert. Meyer ist für die Einrichtung sogenannter „Social Impact Bonds“. Dabei wird privates Kapital über Anreizsysteme akquiriert. Und nur wenn ein soziales Projekt die gemeinsam mit den staatlichen Stellen gesteckten Ziele erreicht, wird das Kapital (verzinst) zurückerstattet. Ein Modell, das etwa für den Bereich der Vorsorgemedizin prädestiniert erscheint.

Nachdem viele soziale Innovatoren aktuell auch Mentoren vermissen, die sie durch den Kompetenzdschungel des Gesundheitswesens schleusen, wäre schließlich auch eine Plattform von „Social Business Angels“ denkbar. Studienautor Meyer: „Für den Erfolg eines social Startups ist zentral, dass es an kompetente und wohlwollende Systemkenner gerät. Auch in diesem Punkt wäre eine Plattform hilfreich.“ Für Meyer ist es auch entscheidend, dass die in der Studie mancherorts festgestellte Skepsis staatlicher Stellen gegenüber privaten Initiativen abgebaut wird. Michael Heinisch von der Vinzenz Gruppe pflichtet bei: „Im Falle sozialer Innovation geht es nicht um privat gegen Staat. Die aktuellen Herausforderungen sind ohnehin nur gemeinsam zu lösen.“

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