Interview mit Alexey Grubauer von Jumio

© Daniel Antalfi/ Jumio | Alexey Grubauer, Geschäftsführer

Jumio, das Unternehmen, das sich auf die Verifikation von Identitäten übers Internet spezialisiert, hat in den letzten knapp zwei Jahren eine turbulente Achterbahnfahrt hinter sich gebracht. Gründe dafür waren Unregelmäßigkeiten im Accounting der US-Mutterfirma und der gewollte oder ungewollte Rückzug des österreichischen Unternehmers und Gründers Daniel Mattes, was schließlich dazu führte, dass die Investoren den Geldhahn zudrehten und die amerikanische Jumio Inc. im März 2016 den Konkurs anmeldete. Für viele andere Unternehmen würde das nun das Ende bedeuten, Jumio kratzte die Kurve und wurde von Centana Growth Partners, einer Venture Capital Firma mit Fokus auf Technologie- Unternehmen, übernommen.

Obwohl die österreichische Jumio GmbH, die zu 100% im Besitz der Jumio Corp. ist, nicht in die Geschehnisse involviert war, musste auch sie sich mit den Folgen des Konkurses auseinandersetzen. Alexey Grubauer, seit 2013 Geschäftsführer der Jumio Gmbh, nutzte die Krise für einen Neustart. Im Interview mit startablish spricht er über Learnings und zweite Chancen.

Welche Lösung für welches Problem verkauft Jumio seinen Kunden?

Sehr viele traditionelle Unternehmen beschäftigen sich vermehrt mit digitalen Lösungen, um im Wettbewerb mithalten zu können. Gleichzeitig werden Unternehmen gegründet, die von Beginn an ihr gesamtes Geschäftsmodell online umsetzen. Das führt dazu, dass Menschen online aufeinandertreffen, die einander, ohne sich zu kennen, vertrauen und Verträge abschließen müssen. Eine digitale ID sagt jedoch nichts aus, denn nur weil man ein Profil auf Facebook hat, ist man als Person nicht verifiziert.

Diese digitale Migration und das damit einhergehende Problem der Verifizierung von Identitäten betrifft etablierte Unternehmen, wie Banken, genauso wie jüngere Unternehmen, wie Airbnb. Jumio bietet Unternehmen für dieses Problem mit seinem Produkt Netverify, einer ID Verifizierungstechnologie, eine Lösung.

© Jumio
© Jumio

Wie sieht der USP von Jumio aus?

Netverify bietet Unternehmen eine real-time Technologie, die eine chain-of-trust aufbaut. Das heißt, der Kunde des Unternehmens scannt seine ID- Card via Jumio, um sich auszuweisen und schickt zusätzlich auch noch ein Selfie von sich mit. Netverify gleicht die Gesichter ab, prüft die ID und gibt dem Auftraggeber bei positivem Ergebnis dann ein OK. Dieser Prozess läuft automatisch über eine Software. Wenn sich die Software jedoch nicht sicher ist, kommen bei uns, anders als bei unseren Mitbewerbern, Backoffice- Agents, also ID- Experten, zum Einsatz, die die Identitäten nochmals überprüfen.

Könnt ihr euren Kunden garantieren, dass die ID korrekt ist?

Zu 100% kann man es nie garantieren. Wir verstehen uns als ein Teil dieser chain-of-trust. Unternehmen setzen bei Überweisungen, Buchungen oder Zahlungen, bei denen eine Personenüberprüfung erforderlich ist, selten nur auf ein Tool zur ID- Überprüfung.

Jumio hat in den letzten Monaten viel durchgemacht, wie schafft man es durch so eine Krise?

Nachdem Gründer Daniel Mattes das Unternehmen verlassen hat, wurde Stephen Stuut CEO und der ist gleich einmal einen dramatischen Sparkurs gefahren inklusive der Trennung von einigen Mitarbeitern, was auch persönlich sehr schwierig war. Authentizität und Transparenz sind wichtig, denn gerade in einer Krise müssen klare Verhältnisse geschaffen werden, sowohl für Mitarbeiter, Kunden als auch Investoren. Trotzdem muss man sagen, dass es unglaublich hilfreich war, dass in dieser schwierigen und unsicheren Zeit der Großteil der Mitarbeiter Jumio gegenüber loyal war. Ohne Umstrukturierung wären wir heute nicht da, wo wir jetzt sind und bis zu einem gewissen Grad kann man diesen Neuanfang auch als etwas Gutes bezeichnen.

„Der Startup- Spirit lebt bei Jumio in jedem einzelnen Team weiter. Jedes Team entscheidet selber, wie es seine Ziele erreicht.“

Was genau kann man unter Umstrukturierung verstehen?

Mit der Umstrukturierung wurde in der Jumio GmbH ein neues Organisationskonzept eingeführt, das den einzelnen Mitarbeitern und Teams weitaus mehr Selbstverantwortung und Eigenorganisation anvertraut. Ich wollte weg von der klassischen Firmenhierarchie und hin zu Teams, die in sich demokratisch organisiert sind, was nicht nur die Arbeit selbst betrifft, sondern auch die organisatorischen Rahmenbedingungen. Sicher gab es Widerstände, vor allem von Personen, die mehr Führung brauchten oder gute Beziehungen zu Abteilungsleitern hatten, einer Position, die im Zuge der Reorganisation ebenfalls gestrichen wurde. Alles in allem hat sich das Konzept jedoch auf jeden Fall positiv bewährt, denn die Mitarbeiter geben ein eindeutiges Commitment zur Erreichung der gemeinsam festgelegten Ziele ab, was die Eigenmotivation und gewollte Verantwortung wiederum unglaublich steigen lässt.

© Daniel Antalfi/ Jumio
© Daniel Antalfi/ Jumio

Steht Jumio heute stärker unter der kritischen Beobachtung der Öffentlichkeit und der Investoren?

In den ersten Monaten nach der Konkursanmeldung, aber auch nach der Übernahme durch Centana Growth war auf jeden Fall ein verstärktes Interesse da. Die Investoren waren vor allem skeptisch, dass wir nur sieben Wochen gebraucht haben, um wieder geschäftstüchtig zu sein, anstatt des einem Jahr, das laut Gesetz für ein Konkursverfahren nach dem Chapter 11 zur Verfügung stand.  Aber auch diese Phase hört einmal auf und mittlerweile besteht wieder vollstes Vertrauen in Jumio und auch seine Mitarbeiter.

Hattest du mal daran gedacht aufzuhören und auszusteigen?

Nein, nicht wirklich. Mit der Übernahme der Geschäftsführung in Österreich habe ich eine Verantwortung für die Mitarbeiter übernommen. Auszusteigen wäre für mich ein Loyalitätsbruch gegenüber meinen Kollegen gewesen.

 „In Österreich herrscht eine Neidkultur, die Leute können sehr schadenfroh reagieren, wenn man es nicht schafft. In den USA herrscht eine Scheiterkultur: schafft man es nicht, wird einem eine zweite Chance gegeben.“

Wie sehen die Zukunftspläne für Jumio aus?

Wir hoffen, dass wir im Q1/2017 weiterwachsen und den Break-even Point erreichen bzw. unsere Investoren davon überzeugen, dass wir die Bereitschaft und das Know-how besitzen, diesen Punkt erreichen zu können, um ihnen auch das Vertrauen zu geben, dass ihre Investments bei uns gut angelegt sind.

Andererseits ist auf jeden Fall noch sehr viel zu tun im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt zahlreiche Artikel in der österreichischen Presse, in denen von Jumio in der Vergangenheitsform gesprochen wird und die sich nur auf das Thema Konkurs stürzen ohne zu erwähnen, dass wir wieder voll da sind.

Welche Tipps kannst du anderen Startups mitgeben?

Man sollte trotz Erfolg kritisch und aufmerksam bleiben sowie gewisse Abläufe und Entwicklungen regelmäßig hinterfragen. Auf sein Bauchgefühl zu hören ist sehr wichtig und kann präventiv wirken. Und wenn man sich bereits in einer Krise befindet, dann hilft nur mehr Transparenz, Ehrlichkeit und zeitnahe, offene Kommunikation, auch wenn es unangenehm ist.